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Im Juni 2008 startete ich das Online-Projekt der Wetterauer Weltbilder.  Knapp zehn Monate und mehr als 10.000 Besucher später:  Es ist Zeit, ein wenig zu polieren.  Nicht, weil ich Glanz vermisse, nein, vielmehr meine ich, dass es mittlerweile einfach ein wenig mehr sein könnte.

Dieser Blog lief bisher hier bei wordpress.com, einem wunderbaren Service, den ich jedem Neu-Blogger empfehlen kann — aber manches ist hier begrenzt.  Also habe ich den Entschluss gefasst, den Wetterauer Weltbildern eine eigene Domain (wetterauer-weltbilder.de) und seinen Lesern und Leserinnen etwas mehr Nutzen zu spendieren.  Einige neue Features sind bereits implementiert (beispielsweise die nun viel benutzerfreundlicheren Galerien), andere werden in den nächsten Wochen folgen.  Manches kleine Detail werden Sie allerdings bereits heute beim Stöbern entdecken.  Schauen Sie also mal rein!

wetterauer-weltbilder.deEs soll also ein bisschen professioneller zugehen — zu Ihrem Vorteil.  Wenn Ihnen die neue Version gefällt, erzählen Sie es weiter, denn:  «Applause is the food for entertainment»¹, so meinte der Schlagzeuger Art Blakey (hier in einer tollen Version von «Moanin’» bei der wir lernen könne, dass Japaner genauso falsch mitklatschen können wie unsereins) häufig am Ende seiner Sessions.  Und der Mann hatte Recht!

Besuchen Sie diesen Blog also bitte zukünftig unter wetterauer-weltbilder.de/ansichten (RSS-Feeds müssen neu eingerichtet werden, der Abo-Service funktioniert natürlich auch weiterhin) und beachten Sie:  Die Kommentarfunktion hat auch im neuen Blog geöffnet. ;-)

-fj

PS.  wetterau.wordpress.de wird zwar noch eine Weile geöffnet bleiben, aber natürlich werden hier keine neuen Artikel mehr erscheinen.

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¹ Applaus ist die Nahrung für Unterhaltung.

Hausgemacht

Rückblende:  Zur Weihnachtszeit sitze ich mit Kaffee und Kuchen an einem Tisch mit einer Stadtverordneten.  Viel Frust ist ihren Worten zu entnehmen:  Alles sei schwierig, sie hielte seit Jahren den Kopf hin, danken würde es ihr niemand — und das Interesse der Bürger an den Stadtverordnetenversammlungen sei so gross wie Kochs Absicht, mit der Linken zu koalieren.

Vermutlich ist diese Einschätzung nur ein weiteres, düster gemaltes Bild des Politikverdrusses, den wir seit Jahren an einer immer weiter sinkenden Wahlbeteiligung ablesen können.  Aber woran liegt das?  Warum lassen sich so wenig Menschen — auch und gerade in der Lokalpolitik — für ihre eigenen Belange direkt vor der Haustür interessieren, vielleicht sogar begeistern?

Nun, Politik ist oft eine trockene Angelegenheit — und das ist in Reichelsheim nicht anders als sonstwo.  Für Otto und Anna Normalbürger bleibt vieles unverständlich.  Politiker sind zudem meist eher brave und langweilige Zeitgenossen, kaum einer präsentiert sich so mediengelackt wie Karl-Theodor zu Guttenberg am Times Square in New York City.

Wir wissen:  Themen und Personen müssen interessanter sein und besser verpackt werden, um die Menschen zu erreichen.  Wer aber soll das in der Provinz tun, wenn es schon auf der grossen Politikbühne meist fad und bieder ist?

Üpl. oder apl. — das ist hier die Frage
Die  Stadtverordnetenversammlung vom 18.3.2009 in Reichelsheim zeigte in beeindruckender Anschaulichkeit, warum Publikum dort so selten ist wie eine Schwalbe über dem Gemeindehaus im März.  Zwar lag für Besucher die Tagesordnung aus, aber Hintergründe zu den zu behandelnden Themen enthielt sie natürlich nicht.  Dass sie auch nicht für Aussenstehende gedacht war, unterstreicht die Formulierung unter TOP 9:  «Feststellung und Genehmigung von üpl. und apl. Ausgaben für …».  [Hier finden Sie die Erklärung der Abkürzungen.]

So sassen wohl die meisten der immerhin dreizehn Besucher wie der berühmte Ochs vorm Berg.  Kaum jemand dürfte gewusst haben, worum es bei den einzelnen Tagesordnungspunkten ging, denn die Anträge und Vorlagen — also die Grundlagen der Abstimmungen — lagen nicht aus.  In der Kürze der Zeit wären sie auch nicht zu lesen gewesen — und hier bleibt erneut nur der Appell, das Material rechtzeitig vor den Sitzungen im Internet zu veröffentlichen.  Nur so kann gewährleistet werden, dass sich Besucher der Sitzung nicht ahnungslos wie in einer zähen Algebrastunde fühlen.

Abstimmungsprobleme — wer hat gewonnen?
Es blieb also vieles im Unklaren — auch Wichtiges:  In Windeseile wurden die Abstimmungen durchgeführt, manche Abgeordnete hoben ihre Hände so wie in der Schule, wenn man Beteiligung suggerieren möchte, aber besser nicht drankommen will.  Ein flottes «Danke» des Sitzungsleiters — und weiter ging’s zum nächsten Punkt.  Keine Klarstellung des Abstimmungsergebnisses, keine Deklaration fürs Protokoll, was aus dem eben abgestimmten Antrag geworden ist.  Bleibt nur die Hoffnung, dass es morgen in der Zeitung steht.

090323_zitat02Sind Zweifel erlaubt, ob eine solch nebulöse Abstimmung überhaupt rechtsgültig ist?  Und selbst, wenn niemand der Beteiligten Bedenken an der Rechtmässigkeit des Vorgehens hat:  Für Besucher ist dieses Vorgehen alles andere als transparent.  Im Sinne von Klarheit und Wahrheit (Fehlervermeidung!) muss hier mehr Sorgfalt walten.

Andere Parlamente in der Wetterau haben da ein anderes, deutlicheres Verständnis:  So ist beispielsweise in § 26 Absatz 6 der Geschäftsordnung der Friedberger Stadtverordnetenversammlung eindeutig geklärt, dass ein Abstimmungsergebnis unverzüglich festzustellen und bekanntzugeben ist.  Nun stammt die Rechtsgrundlage der Reichelsheimer Stadtverordnetenversammlung nicht aus Friedberg, sondern basiert in diesem Punkt wohl auf der Hessischen Gemeindeordnung, die sich hier nicht weiter festlegt — doch schon aus allgemeinen Rechtsgrundsätzen müsste der ordnungsgemässen Feststellung eines Abstimmungsergebnisses mehr Gewicht eingeräumt werden.  Es bleibt zu vermuten, dass hier in Reichelsheim eine jahrelang geübte Praxis den undurchsichtigen Standard setzt.  Hausmacherart …

Die Akteure — zum Schmunzeln?
Dass so mancher Stadtverordnete Probleme mit der Bedienung des Mikrofons hatte oder sogar nur bedingt wahrgenommen hat, dass in ein solches hinein gesprochen werden sollte (und nicht daneben), das ist eine nette kleine Randnotizen menschlicher Unvollkommenheit und kann sicher mit einem Schmunzeln quittiert werden.  Doch man kann auch sehen, dass die Volksvertreter etwas dürfen, was den Pennälern so mancher Schule zu Recht streng verboten ist, um bessere Menschen und Staatsbürger aus ihnen zu machen:  Da sprach der Bürgermeister zu einem wichtigen Thema, doch die diversen SMS an das Telefon eines schmunzelnden Abgeordneten waren Letzterem wichtiger.

Wenn das Telefon klingelt (hier besser: Vibrationsalarm gibt), dann wird die Aufmerksamkeit schon gerne mal abgelenkt.  Tröstet das nun wegen des menschlichen Aspekts — oder ist es lediglich ein uns schmunzeln lassender Beweis, dass manche trotz reiferen Alters den Verlockungen unserer schicken Kommunikationsspielzeuge nicht widerstehen können — während andere sogar noch die Kommunikation im grossen Rund der Sitzung ein wenig üben müssen?

Das mit dem Schmunzeln ist allerdings auch so eine Sache:  Mit Wohlwollen zählte ich einen ganzen und zwei halbe Augenblicke der Erheiterung in der Versammlung.  Viel ist das nicht für zwei Stunden.  Sind die gewählten Volksvertreter in so einer kleinen Stadt nicht mehr oder weniger alles eingesessene, altbekannte Nachbarn?  Muss es da wirklich so bierernst zugehen?  Oder lag das nur daran, dass man ohne viel Aufheben schnell fertig sein wollte, um wenigstens noch die letzten Minuten des UEFA-Pokalspiels im Fernsehen zu erleben?

Bierernst ist das nächste Stichwort.  Natürlich ist im Sitzungssaal das Rauchen ebenso untersagt wie der Genuss alkoholischer Getränke während der Sitzung — aber ein Glas Wasser sollte den Volksvertretern während einer zweistündigen Sitzung doch zur Verfügung gestellt werden können, oder?  15 Karaffen, 35 Gläser, dazu das gute Nass direkt aus dem Wetterauer Wasserhahn — das könnte so manchen müden Stadtverordneten sicher beleben.  Fürs Abspülen melden sich bestimmt ein paar — Männer.  Vielleicht auch aus dem Publikum.

Inhalte — nur zufällig erfahren?
Geschwindigkeitskontrolle in Reichelsheim

Ob es nun die geplante Umfrage zum Thema Breitbandversorgung betraf, den letzten Stand zum Raiffeisengelände, die gerade angeschaffte Geschwindigkeitsanzeige oder den nächsten Stadtteil, der nach Reichelsheim und Beienheim in den Genuss des Dorferneuerungsprogramms kommen soll — die Informationen waren für den durchschnittlichen Besucher nicht nur meist unvollständig (da die schriftlichen Vorlagen fehlten) sondern meist auch zufällig.  Die Stadtverordneten selbst schienen manchmal überrascht.  Es ist die grundsätzliche Frage zu stellen, ob beispielsweise der Erwerb und Einsatz einer Geschwindigkeitsmessanlage nicht besser im Internetauftritt der Stadt verbreitet, als auf einer Stadtverordnetenversammlung als Überraschungsballon losgelassen werden sollte.

Hol- oder Bringschuld bei den neusten Stadtnachrichten — das sehen die Stadtvertreter und das Publikum (nicht nur an an meinem Tisch) wohl anders. Letztlich war man sich hier in der Runde der Besucher einig: Der Politikverdruss ist hausgemacht, wenn im Publikum der Eindruck entstehen kann, dass man seitens der Politiker lieber unter sich ist.

-fj

Abkupfern!

Ach, die eigene Unzulänglichkeit ist manchmal bedenklicher als es die Wirren des Lebens sind, denen ich so gerne nachstelle.  Aktuelles Beispiel:  Die Termine der Stadtverordnetenversammlung in Reichelsheim.

Gerne würde ich ab und zu die Sitzungen dieses Gremiums besuchen — stöbere aber seit mehr als einem Jahr vergebens nach den Terminen auf den Webseiten der Stadt.  Ich beklagte mich bei Bekannten, Politikern und im Vorzimmer des Bürgermeisters.  Alle bedauerten, dass die Information nicht online verfügbar sei — und verwiesen mich auf den Stadt-Kurier (vom Verlag Wittich), den ich kostenpflichtig beziehen könne.  Sämtliche Termine seien dort aufgeführt.

Nun, ich gebe zu, dass — trotz mehrmaliger, wohlwollender Leseversuche — mich dieses Druckwerk nicht besonders in seinen Bann geschlagen hat.  Nur für ein Dutzend Terminhinweise im Jahr 27 Euro zu bezahlen, erscheint mir nicht angemessen.  Die Konsequenz:  Mangels Kenntnis der Termine habe ich bisher noch keine Stadtverordnetenversammlung besucht.

Und dann erfahre ich heute aus zuverlässiger Quelle, dass die Termine doch regelmässig im Internet veröffentlicht wurden — ich habe sie nur nicht entdeckt.  Augen auf, Frank!  Wie kann man nur so verpennt sein?

Dabei bietet die Stadt Reichelsheim mit der Publizierung im Internet bereits mehr, als sie nach § 7 Punkt 2 der Hauptsatzung vom 21. Januar 2001 tun muss.  Dort ist festgelegt, dass Veröffentlichungen der Termine der Stadtverordnetensitzungen an den Bekanntmachungstafeln erfolgen müssen — es ist keine Rede von Stadt-Kurier oder World Wide Web.  Andererseits:  Diese Satzung stammt fast noch aus einer Vor-Internet-Zeit.  Im heutigen, digitalen Zeitalter wäre eine Ergänzung der Satzung sicher angebracht.

Ich hab’s also nicht gefunden, es war trotzdem da — doch selbst Beteiligte wussten das nicht.  Worin mag diese etwas absurd klingende Geschichte ihren Grund haben?  Nun, erstens bekenne ich mich schuldig, nicht jeden Tag in den Veranstaltungskalender auf den Internetseiten Reichelsheims geschaut zu haben.  Wofür ich aber auch keinen Grund hatte, wenn zweitens sogar Stadtverordnete bestätigten, dass die Termine online nicht verfügbar seien.  Drittens aber muss ich auch vermuten, dass die Online-Präsentation der Daten nicht besonders gut gelungen ist:

Die Sichtbarkeit der politischen Termine ist nicht allzu gross, wenn diese in einem allgemeinen Terminkalender veröffentlicht werden, in dem heute, am 5. März 2009 vom  Kräppelnachmittag (war vor knapp einem Monat) bis zum Abbau der Weihnachtsfeier 2009 (ist in mehr als neun Monaten) viel zu finden ist — aber eben kein Sitzungstermin der Stadtverordnetenversammlung.  Irgendwann hört man dann auf, dort nachzuschauen.

Wäre es nicht gut, einen Bereich Politik zu haben, in dem alles rund um dieses Thema aufgeführt wird?  In dem die Dinge, die zusammen gehören, auch beisammen stehen?  Das ist heute nicht der Fall und es ist an jeder Ecke zu erkennen, dass die Seiten nicht mit Herzblut gemacht sind, dass es vermutlich an Betroffenheit und/oder Engagement fehlt.  Sonst wäre längst mal jemand auf die Idee gekommen, die Dinge ein wenig auszubauen, übersichtlicher zu gestalten, bürgerfreundlicher zu konzipieren.

Wie so etwas gemacht werden kann, zeigen andere Städte in der Wetterau: Dort sind nicht nur die Termine in übersichtlicher Form online verfügbar (Beispiel: Butzbach), sondern auch die Tagesordnungen (Beispiel: Karben), dazugehörige Anträge (Beispiel: Bad Nauheim, vorbildlich!) und sogar Protokolle bisheriger Sitzungen (Beispiel: Friedberg mit bemerkenswert sorgfältig erstellten Dokumenten).  Bad Nauheim stellt sogar ein Organigramm der politischen Gremien vor!

Ob da wirklich niemand aus Reichelsheim mal ein Auge drauf geworfen hat?  Und wenn ja:  Hat das dann nicht besser gefallen als der eigene Webauftritt?  Und wenn es besser gefallen hat, ist dann nicht die Idee gekeimt, das Konzept zu übernehmen?  Denn wir alle wissen:  Besser gut abgekupfert als schlecht erfunden.  Dass das eine manchmal sehr sinnvolle Lebensweisheit ist, wissen wir nicht erst, seit es Kochrezepte gibt.

Die hoffnungsvolle Nachricht zum Schluss:  Nach Auskunft aus dem Rathaus arbeiten die Reichelsheimer bereits an einem neuen Webauftritt.  Ich bin gespannt, welche Ideen der neue Bürgermeister in die Realisierung einbringt — und vor allem welchen zusätzlichen Nutzen die neuen Webseiten dem Bürger bringen werden.  Nicht aus technischer Sicht, sondern inhaltlich und in Bezug auf eine übersichtliche Aufbereitung.  Wenn ein paar engagierte Menschen an dem Projekt mitarbeiten und die Umsetzung nicht nur als technische Pflichtaufgabe, sondern auch als Chance zur Mitarbeit (kreative Ideen, gute Inhalte, sorgfältiges Design, ordentlicher Satz, Rechtschreibkorrekturen, Plausibilitätsprüfungen, etc.) gesehen wird, dann kann es etwas werden.

Und selbst wenn die Ideen nur abgekupfert sein sollten, dürfte kaum jemand böse sein.  Vielleicht wird es ja ein best of der Wetterauer Webseiten?  Ab Juni 2009 werden wir es voraussichtlich sehen.

-fj

Wieder daheim

Früher, als Kind, war die Rückkehr von einer Reise für mich bedrückend.  Nie mochte ich die traumhaften Sommer der sechziger und siebziger Jahre auf der Nordseeinsel Juist hinter mir lassen.  Wenn sie doch nur ewig so weiter gegangen wäre, die Unbeschwertheit des sonnigen Strandlebens, fernab der Schule!  Die Heimkehr in die vertraute Umgebung war jedesmal eine Last.

Heute hat Reisen für mich einen anderen Stellenwert.  Ich gehe bewusster mit meinen Erlebnissen um, habe andere Ziele — in fast jedem Sinne — wenn ich die Koffer packe.  Auch am Ende der Reise hat sich die Perspektive verschoben:  Ich komme gerne heim.

Ein Teil dieses Wandels liegt sicher an der relativen Ruhe und Vertrautheit meiner jetzigen Wetterauer Wahlheimat:  Ich bin einfach gerne hier, wo ich das Geräusch des Katers einordnen kann, wenn er von der Mauer aufs Holzdeck springt.  Ich weiss, wann Löbers Bäckerwagen mit unnötigem Gehupe sein erhofftes Geschäft auf Kosten der Anwohnernerven ankündigt und freue mich um so mehr über die altbackene, aber ohrenfreundliche Glocke des Altmetallsammlers, der die Ortschaften abklappert.

Unterwegs ist das anders.  Selbst bekannte Orte sind immer wieder neu.  Auf meiner letzten Reise besuchte ich drei sehr unterschiedliche Gegenden:

Die Sonne und Wärme im Süden Kaliforniens waren gut fürs Gemüt.  Lockeres Lebensgefühl an der Küste;  wunderbares Licht in der Winterwüste;  Aussteiger aus dem amerikanischen Konsumtrauma in einem verlassenen Militärcamp;  ein freundlicher, gottesfürchtiger alter Mann, dessen kitschiger bunter Berg aus Tonnen von Farbe nicht als unnötige Umweltschädigung eingestuft, sondern als nationales Denkmal geschützt wird und nicht zuletzt der immer noch kaum zu begreifende Salton Sea — all das waren Höhepunkte und für einen Fotografen eine Wundertüte.

Kanadas eisige Rocky Mountains forderten mich körperlich:  Skilanglauf, Schneeschuhlaufen und Schlittenhundefahren waren in der dünnen Luft in über 1700 Metern Höhe anstrengend — und bei meiner Angst vor Hunden nicht nur physisch.  Eine Gruppe von sechs Huskies anzufeuern und mehr noch: zum Anhalten zu bewegen, war auch psychisch nicht banal.  Und zum Glück trug nicht nur ich eine dieser bescheuert aussehenden Pelzmützen.

Der Karneval in Venedig führte mich dann in den Massentourismus zurück.  Kaum jemand dürfte ahnen, dass unter den meisten aufwändigen Masken vorwiegend Deutsche, Franzosen und Briten stecken.  Vielleicht hätte ich dort doch meine neue Pelzmütze tragen sollen?  Die tiefe Verzückung vieler Menschen vor billigen, aus China importierten Masken, die Horden digitaler Knipser ohne Respekt vor Anderen sowie die obligatorischen peruanischen Panflötenbläser waren teilweise eine Qual.

Nicht nur deshalb war die Rückkehr in die Wetterau schön:  Selbst bereitetes Essen statt Touristen-Restaurants, der Kaffee zur Zeitung am heimischen Kaminofen statt bei Starbucks, ein Treffen mit echten Freunden statt eines zwar freundlichen, aber wie immer unverbindlichen «nice to meet you» …

Es ist gut, eine solche Heimat zu haben — und die muss nicht ein Leben lang an nur einen Ort gebunden sein.  Wichtig ist vielmehr, dort, wo man seinen Lebensmittelpunkt hat, auch zuhause zu sein.  Hier in der Wetterau habe ich so etwas wie Heimat gefunden — und das war nicht immer so auf meinen Stationen in diesem Land:  Berlin war vor der Wende zwar aufregend, aber die Enge nährte eine Sehnsucht zum Ausbrechen.  Hamburg war korrupt, München snobistisch, Darmstadt provinziell.  Freiburg dagegen zeigte sich voller Lebenslust und -qualität — und war Heimat.

Meine Geburtsstadt Lübeck war und ist selbstverständlich wunderbar — aber den Status als Heimat hat die Hansestadt verloren.  Heimat ist für mich seit einigen Jahren die Wetterau — und sie wird es vermutlich auch noch einige Zeit bleiben.

Um in diesen Hafen nach meinen Reisen auch weiterhin so freudig zurückzukommen, wäre es hilfreich, wenn es hier so abseits und ruhig bliebe, wie es momentan ist.  Hoffentlich scheitern also die hiesigen Politiker, von denen manche hochfliegende Pläne für die Region haben.  Natürlich wünsche ich mir ein besseres Kulturangebot, mehr Engagement der Bevölkerung in vielerlei Hinsicht und eine Verbesserung der Infrastruktur.  Damit meine ich aber nicht den Ausbau der Wetterau zu einem Erholungsgebiet für gestresste Grossstädter:  Nicht jede Landschaft muss künstliche Attraktionen bieten.

Wer die Reize der Landschaft als Wanderer erkunden möchte, sich an den schönen Toren so mancher Hofreite erfreuen mag, der ist natürlich jederzeit willkommen.  Einen touristisch erschlossenen Tagebausee mit Campingplatz und Hotel sowie Kiosk und Restaurant benötigen wir dafür meiner Ansicht nach aber nicht.  Denn dabei könnte etwas auf der Strecke bleiben:  Heimat.

-fj

Blick auf Frankfurt

Ein nebliger Morgen in der Wetterau — die Silhouette der Frankfurter Skyline ist nicht zu sehen.  Das „Elend“ der Finanzwelt erreicht mich aber trotzdem per Funkwellen:  HR1 berichtet, dass der Verlust der Deutschen Bank im Jahr 2008 nun also tatsächlich bei 3,9 Milliarden Euro lag.  Im Vergleich zum Vorjahr ist das Ergebnis um 10,4 Milliarden Euro schlechter.  Die bedauernswerten Teilhaber der Deutschen Bank werden laut Hessischem Rundfunk mit der lächerlichen Dividende von nur 0,50 Euro pro Aktie abgespeist.  Das dürfte dem renditegewohnten Anleger die salzigen Schweisstropfen der Existenzangst aufs Frühstücksei perlen lassen.

Nachdem die Ackermann-Truppe den Aktienkurs mit sicherer Hand binnen 52 Wochen von circa 80 Euro auf um die 20 Euro reduziert hat, sollte sie nun unter den von der Regierung gespannten Schutzschirm schlüpfen.  Schliesslich muss die Bank für die zum 31. Dezember 2008 im Umlauf befindlichen 570.859.015 Aktien ja jetzt 285.429.507,50 Euro an Dividenden zusammenkratzen.  Vermutlich wird man zur Finanzierung zuerst das Gehalt des Hausmeisters kürzen — wenn die Regierung nicht einspringt.  Und das sollte sie tun, denn schliesslich geht es um den Arbeitsplatz des Hausmeisters.

Der Autor dieses Blogs überlegt nun, ob er sich ebenfalls vertrauensvoll an Frau Merkel wenden sollte:  Vielleicht ist unter dem Schirm ja noch ein Plätzchen frei für einen Kulturschaffenden?  Hallo Herr Ackermann, könnten Sie bitte ein wenig beiseite rücken?  Die Antwort wird vermutlich nicht nur negativ ausfallen, sondern gipfelt in einem Satz mit drei „dies“:  Guter Mann, hier ist kein Platz für Normalbürger, es ist alles reserviert für die, die die Krise zu verantworten haben.

Anstatt seines kleinen Blogs hätte der Autor besser die Gründung einer internationalen Holding mit Sitz in Liechtenstein und geborgtem Stammkapital von drei Millionen Euro erwägen sollen.  Als Sicherheit hätte das gebrauchte 4-Quadratmeter-Gartenhäuschen dienen können — so macht man Geschäfte, so ist man erfolgreich und sexy.

Jaja, ich bin neidisch auf Herrn Ackermann, seine Bezüge und seinen stets mit einer Dollarnote gezogenen Scheitel.  Als Autor bin ich allerdings noch neidischer auf das von ihm überlieferte, grossartige Zitat:

„Dies ist das einzige Land, in dem diejenigen, die Erfolg haben und Werte schaffen, deswegen vor Gericht gestellt werden.“

Diesen beeindruckenden Satz hatte sich der arme Kerl abgerungen, als er vor dem Landgericht Düsseldorf wegen überhöhter Prämienzahlungen angeklagt war.  Der drohenden Verurteilung entzog sich das schweizer Cleverle damals durch die freiwillige Zahlung von 3.200.000 Euro.

Wie mag Herr Ackermanns Einschätzung dieses von ihm so verrissenen Landes heute aussehen?  Ich habe einen Vorschlag:

„Dies ist ein Land, in dem denjenigen, die sich unverhältnismässig bereichert und die Grundlage für eine weltweite Krise geschaffen haben, deswegen seitens der Allgemeinheit geholfen wird.“

Wenn Herr Ackermann von seinen Frankfurter Glastürmen Richtung Norden schaut und über die Wetterau blickt, ob er dann manchmal darüber nachdenkt, dass es durchaus auch ein gutes Leben jenseits der Millionen und Milliarden gibt?  Na, ich vermute, er kennt die Wetterau gar nicht.  Also Herr Ackermann: Abonnieren Sie den Blog — es ist völlig umsonst.  In Ihrem Fall aber vermutlich auch vergebens.

-fj

Müll für die Sinne

Blecka.  Das sind Haken von IKEA.  Deshalb wird BLECKA gross geschrieben — wie alles bei IKEA.  Kein schöner Name, aber immerhin nicht so abstossend wie VIREN für eine WC-Bürste.

Vier Stück BLECKA für knapp fünf Euro sind ein gutes Angebot.  Was fehlt, sind die Schrauben.  Nein, ich greine nicht über die zusätzlichen Kosten eines Baumarktbesuchs (der die Einsparungen bei IKEA wieder zunichte macht).  Ein Baumarkt moderner Prägung bietet mir nämlich neben passenden Schrauben zu BLECKA auch völlig kostenlos einen Mehrwert:  Ich kann dort etwas für mein anarchistisches Seelenheil tun.

Wird man in Kaufhäusern und Supermärkten systematisch beplätschert mit belangloser Fahrstuhlmusik (englisch:  Muzak, interessante Hintergründe dazu), die verständige Kunden zu willenlosen Kaufrobotern umformen soll, so haben Baumärkte einen viel höheren Anspruch:  Wertvolle Produktinformationen sprudeln aus kleinen Informationsgeräten an jeder Regalecke.

Der innovative Spachtel für runde Ecken, der Tapetenschneider aus der Weltraumtechnik, der Pinsel ohne Borsten — all das (und viel mehr) wird rund um die Uhr mit beeindruckenden Bildern und eindringlichen Worten präsentiert.  Meint es der Marketingleiter besonders gut, dann stellt er zwei dieser Geräte nah beieinander auf, so dass der wissbegierige Kunde Informationen über zwei Produkte gleichzeitig aufnehmen kann.  Für wie dämlich halten uns diese Verkaufskanonen eigentlich?  Es ist zum verrückt werden!

Ich habe dieser Form von akustischer Umweltverschmutzung den kleinen und gemeinen Kampf angesagt:  Ich drehe ab.  Wann immer ich mich unbeobachtet fühle, suche ich Lautstärkeregler oder Ausknopf und geniesse die Ruhe nach der erfolgreichen Attacke.  Bis zum nächsten Regal.

Aber es ist auch ein wenig wie bei der Geschichte von Hase und Igel:  Früher waren es meist einfache Fernsehgeräte, die Ihren audio-visuellen Müll in die Gänge schickten.  Die Bedienelemente lagen vorne und gut im Zugriff für Rebellen wie mich.  Ein Tastendruck und Ruhe war …

Doch der Gegner schläft nicht:  Immer ausgetüftelter werden die Methoden, um die Dauerberieselung durch Werbebotschaften zu sichern.  Der Auftrag lautet schliesslich:  Hämmert die Botschaft in die Köpfe der willenlosen Kundschaft.  Also sind heute Lautstärkeregler schon mal unter einer Blende versteckt, der Ausknopf liegt kaum erreichbar hinten am Gerät — die Herausforderungen für Anarchos wie mich werden grösser.  Auch gegen meine neuste Taktik — Stecker ziehen — hat man teilweise schon Vorkehrungen getroffen.  Der Strom in unser Käuferbewusstsein soll ungehindert fliessen.

Neulich sah ich neben einem Werbeautomaten für den perfekten Bohrschrauber diese wunderbaren, isolierten Kneifzangen im Regal liegen …

-fj

Um die Wurst

Wenn man die Auslagen mancher Supermärkte anschaut, dann kommt der Verdacht auf, dass ein guter Metzger vermutlich so selten ist wie ein seriöser Gebrauchtwagenhändler.  Was da an cellophanisierter Billigware für den deutschen Grill und die wetterauer Pfanne angeboten wird, das ist oft nicht nur höchst langweilig, sondern vielfach auch noch unansehnlich.

Einen guten, alteingesessenen Metzger in der Nähe zu haben, jemanden, der sein Handwerk versteht, eine lebensfrohe, gesunde Einstellung zur Ernährung und zudem ein Händchen für „mal was Neues“ hat — welch ein Glücksfall!

Kersten Lenz in Echzell ist so einer — und er beherrscht sein Handwerk.  Als Nagelprobe gilt für mich Rinderleber:  Wer die so schneiden kann, dass der Tellerrand nach dem Essen nicht voller Bollen aus Sehnen und Adern ist, der arbeitet im richtigen Fach.  Wenn in der Metzgerei Lenz der Chef selber Hand anlegt, dann wird’s etwas mit dem Genuss der Innerei.  Wenn diese auch noch zart ist — und das trifft hier zu, dann kann die Leber Berliner Art sogar mit Rinder- statt der viel teureren Kalbsleber einen trüben Winterabend zum Erlebnis machen.

Das Dioxin in irischem Schweinefleisch ist erst wenige Wochen verdaut, ebenso wie das Gammelfleisch aus deutschen Landen, das alle paar Monate in den Regalen liegt.  Aber auch Vegetarier werden mit genmanipuliertem Reis, dioxinbelastetem Mozzarella und pestizidhaltigem Gemüse gestopft.  Eine gesunde Einstellung ist beim Verkauf tierischer Lebensmittel ebenso angesagt wie bei pflanzlichen.  Gut zu wissen, dass in der Metzgerei Lenz regionale Produkte verwendet werden und der Chef nicht den Eindruck macht, als wenn ihm das Wohlergehen seiner Kunden gleichgültig wäre.  Vertrauen ist das Schlagwort — und Kersten Lenz verdient es sich glücklicherweise nicht nur durch Freundlichkeit.

Vielmehr plaudert er gerne über seinen Beruf und beantwortet neugierige Fachfragen mit einer Freude, die dem Zuhörer Spass bereitet.  So kann man bei ihm lernen, warum viele Würste im oberen Bereich eine Delle haben, was es mit der weissen oder farblosen Wurstpelle auf sich hat oder wie man in seiner Branche ein Messer richtig wetzt.

Sicher haben Sie auch schon einmal in Italien eine hervorragende Salami gegessen.  Meiden Sie seitdem die geschmacksarme Supermarktware und fragen sich, warum deutsche Metzger es fast nie schaffen, ausser durch billige Gelb- und Jagdwurst ein eigenes Profil zu kreieren?  Warum fällt mir neben der meist fettigen Brat- spontan nur die peinliche Bärchenwurst für Kinder ein, wenn ich an deutsche Fleischwaren in Pelle denke?

Dabei geht es auch anders:  Probieren Sie einmal die Walnusssalami von Lenz (die es mittlerweile leider viel zu selten gibt).  Statt eine bestehende Sorte mittelmässig abzukupfern, wird hier eine (bei uns) ungewöhnliche Kombination angeboten.  Für die sonst häufig langweilige deutsche Wursttheke ist das eine bemerkenswert kreative Leistung.

Über das bekannte Durchschnittsangebot hinauszugehen, mal etwas Neues anzubieten oder Standardware so exzellent herzustellen, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft — müsste das nicht Ziel eines jeden Metzgers sein?  Kersten Lenz hat die Fähigkeit dazu:  So etwas wie seinen gebeizten, hauchzarten Rosmarinschinken habe ich vorher noch nie gegessen und den selbstgemachten Schwarzwälder Schinken (gaaanz frisch und hauchdünn geschnitten) ziehe ich an manchem Tag einem Parmaschinken durchaus vor.

Letztlich liegt die individuelle Wertschätzung eines Metzgers natürlich auch am persönlichen Geschmack — aber ich habe Bauchschmerzen bei dieser weit verbreiteten Art der Verharmlosung:  Wer seinen Wochenendspeisenplan auf drei Kilo Gelbwurst mit Gammel- und Separatorenfleisch aus dem Kühlregal des Billigsupermarkts aufbauen mag, der wird vielleicht einen saftigen Bratenaufschnitt aus heimischer Produktion auf dem knusprigen Brötchen des lokalen Bäckers weniger schätzen als ich.  Doch das mit der Standardausrede „jeder so wie es ihm gefällt“ zu erklären, ist mir zu wenig.  Vielfach haben wir verlernt, den Wert guten Essens zu schätzen.  Dazu muss ich nicht erst einen Blick auf den Abfall aus den McDonalds-Filialen der Wetterau werfen.

Ich halte es da lieber mit lokalen Anbietern, die — wie im Falle Lenz — auch schon mal ein sympathisches Understatement an den Tag legen:  Die „Hausm. Leberwurst“ im Glas hatte ich lange Zeit übersehen, so unscheinbar kam sie daher.  Bis die beste Partnerin von allen mir neulich ein Glas Weisswein und einen Brötchenrest mit einem unglaublich guten Belag ins Büro brachte:  Was ich für eine französische Terrine aus einem sündhaft teuren Bad Homburger Feinkostladen hielt, war die etwas stiefmütterlich weit hinten im Kühlschrank aufbewahrte wetterauer Leberwurst von Meister Lenz aus eigener Herstellung.

Also, Herr Lenz:  Marketing-technisch ist da noch Luft nach oben.  Wie wär’s mit Terrine de Foie Wetterausienne du Printemps?

-fj

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Metzgerei Lenz
Hauptstrasse 10

61209 Echzell

Telefon 0 60 08 – 686
Web: www.lenz-echzell.de

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