
Der junge Mann ist zwar ein wenig zerknirscht, aber trotzdem durchaus angriffslustig, als ich ein paar Bilder schiessen will: «Wenn Sie ein Foto von mir machen, dann zeige ich Sie an», so blafft er in meine Richtung. Kurze Zeit vorher kam er in Dorn-Assenheim mit überhöhter Geschwindigkeit von der Fahrbahn ab, überquerte den Bürgersteig, riss das Hoftor der Assenheimer Strasse 12 aus der Verankerung und prallte gegen die Hausecke des Gebäudes.
Minuten nach dem Unfall ging an genau dieser Stelle eine Gruppe von Kindern aus dem örtlichen Kindergarten vorbei. Man mag sich nicht ausmalen, was dort hätte passieren können, wenn die zeitlichen Umstände etwas ungünstiger gewesen, die Kinder dort früher vorbei gekommen wären. Reichelsheim wäre vermutlich bundesweit in den Schlagzeilen. Ich vermute, es läse sich so:
Fünf tote Kinder,
drei Schwerverletzte.Politiker und Behörden hatten Kenntnis von der Gefahr,
niemand tat etwas

Im folgenden Bericht hätte man dann detailliert erfahren können, dass das Problem bereits seit Jahren bekannt ist. Man sähe Fotos der Hausfront der Nr. 12, die von diversen Einschlägen zu schneller Fahrzeuge völlig ramponiert ist. Extra an dieser Stelle wurden rot-weisse Warnschilder angebracht — sie sehen fast immer wie neu aus, weil sie regelmässig von Rasern umgefahren werden. Die Eigentümerin erzählt, dass sie das Haus von aussen nicht mehr reparieren lässt, denn es würden immer wieder Autos in die Fassade fahren.
In dem fiktiven Bericht wäre bestimmt auch zu lesen gewesen, dass vor ein paar Jahren ein Auto von dieser Häuserwand abgeprallt ist, um dann gegen Haus Nr. 11 zu schleudern. Wir ahnen, dass diesen Unfällen mit Sicherheit keine angemessene Fahrweise zugrunde liegen kann.
So gab auch der hier betroffene junge Mann unumwunden zu, dass er mit überhöhter Geschwindigkeit auf nasser Fahrbahn unterwegs war. Polizei konnte ich am Unfallort nicht ausmachen — er wird also vermutlich ohne Strafe davonkommen. Bei seiner am Unfallort gezeigten Reife besteht eine gute Chance, dass er wieder als Verkehrsrowdy auffallen wird.
Vor nur drei Wochen schrieb ich in diesem Blog:
Wenn aber irgendwann mal eines dieser viel zu schnellen Motorräder ein Kind tötet, wenn der abgelenkte Fahrer einer rollenden Disco die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert und in eine Menschengruppe rast, dann dürfte die Betroffenheit gross sein.
Dieses Szenario wäre heute beinahe Wirklichkeit geworden. Dass es diesmal nicht zu einer Katastrophe gekommen ist, kann nur als Zufall bezeichnet werden. Ich nehme an, das wird bei den zuständigen Stellen auch weiterhin nicht zu einem Umdenken führen.

Die Kindergruppe traf ich, als sie von einem Termin mit Holger Hachenburger (CDU) zurück kam. Er ist der Initiator der in Dorn-Assenheim neu aufgestellten Schilder zur freiwilligen Reduzierung der Geschwindigkeit auf 30 km/h. Der Kindergarten hatte bei der Gestaltung geholfen — ein lobenswertes Projekt. Wer glaubt aber ernsthaft daran, dass diese fröhlichen Kinderfiguren uneinsichtige Autofahrer aufhalten? Die Aussage der Kindergärtnerin war diesbezüglich jedenfalls sehr zurückhaltend — und sie hat natürlich Recht: Die geforderte freiwillige Selbstverpflichtung dieser Verkehrsrowdys ist so viel Wert wie die Bitte an Waffenproduzenten, kein Kriegsgerät in Krisenregionen zu liefern.

Der verunfallte, etwas dreiste junge Mann, der in banaler Hilflosigkeit seine Finger zum Siegeszeichen spreizte, ist mir in dieser Geschichte trotz seiner unverhohlenen Drohung völlig gleichgültig. Solche Kindsköpfe gibt es zu viele, um sich über deren niveaulose Dreistigkeit lange zu echauffieren. Der vom Reifegrad eher noch als Pubertierender zu bezeichnende Unfallfahrer wird weiter mit Autos unterwegs sein — und hunderte anderer Autofahrer in der Wetterau werden jeden Tag ähnliche Situationen heraufbeschwören, ohne dass sich etwas ändert. Das ist es, was mich bedrückt: Die jahrelange Nicht-Reaktion der Verantwortlichen auf die in der Region bekannten Probleme in den Ortsdurchfahrten.
Also nochmal: Was muss noch passieren, damit hier eingegriffen wird? Wann werden endlich sichtbare Erfolge gegen die Raser in unseren Ortschaften erzielt? Die neuen und gut gemeinten Schilder des Kindergartens werden keine Wirkung haben. Wir wissen das alle.
Was wird aktuell getan? Viel sehe ich nicht. Geschwindigkeitskontrollen seien zu teuer, heisst es immer wieder. Seit Jahren versucht man gegen die Raser Einfluss zu nehmen mit freundlichen Bitten auf offiziellen Schildern, deren einfältige Figuren den blassen Charme der siebziger Jahre transportieren und zudem teilweise auch noch so gut wie unsichtbar aufgestellt sind. Das ist — mit Verlaub gesagt — lächerlich. Aber ich höre die Argumente schon: Rigorose Massnahmen wie eine komplette Reduzierung der Geschwindigkeit auf 30 km/h im gesamten Ortsbereich sowie Hemmschwellen bereits vor den Ortseinfahrten können vermutlich wegen Zuständigkeitsfragen und rechtlichen Bedenken nicht umgesetzt werden.

Wenn der heutige Unfall in Dorn-Assenheim tote Kinder zur Folge gehabt hätte, wie hätte man den betroffenen Eltern erklärt, dass ihre Kinder wegen «verwaltungsrechtlicher Hürden» über den Haufen gefahren wurden? Vielleicht könnte man das mit einer formal korrekten Beileidskarte tun — mit einem dieser Strichmännchen drauf?
-fj






Vielleicht irre ich mich aber und Scholz tendiert zum SPD-Kandidaten Rainer Schauermann? Ich bin sicher, dass der sich ebenfalls irgendwann und irgendwo ähnlich geäussert hat wie Bischofsberger — wenngleich ich
Radio hatte ich seit Stunden nicht mehr gehört. Es muss im Burgund gewesen sein, als mich ein Freund anrief. Er vermutete mich in meiner Lieblingsstadt: New York City. So erst erfuhr ich von dem Anschlag. An der nächsten Raststätte hielt ich an und sah im Fernsehen immer und immer wieder die Türme des World Trade Centers einstürzen. Das Bild hat sich eingebrannt.
Die als «rollende Disco» bezeichneten Autos mit riesigen, wummernden Musikanlagen fahren zu jeder Tages- und Nachtzeit durch unsere Ortschaften, oft viel zu schnell — und nach einem Hinweis gibt’s noch ein Extra-Reifenquietschen beim provokativen Beschleunigen dazu. Tags darauf wird bei der nächsten Ortsdurchfahrt noch zusätzlich gehupt. Welch ein Triumph!
