Die Wetterau kennen nicht viele Menschen. Wenn ich irgendwo in Deutschland einen Vortrag halte und mich jemand fragt, wo ich wohne, dann bekomme ich auf meine Antwort meist nur fragende Blicke retour. Bei meinen Erklärungsversuchen zur geografischen Lage der Wetterau habe ich aber etwas gelernt: Viele Menschen kennen zwar die Geografie dieses Landes kaum, die Lage grosser Autobahnen und manche Ausfahrten können sie aber grob einordnen. Folglich verwandelt die Erwähnung der Autobahnausfahrt Friedberg an der A5 das angestrengte Stirnrunzeln in ein wissendes Lächeln: „Ah, Friedberg bei Frankfurt — da bin ich schon vorbei gekommen!“
Ist das nicht seltsam? In der Schule wurde meine Generation noch an grossen Landkarten gedrillt, geografische Besonderheiten binnen Bruchteilen einer Sekunde zu finden und mit einem langen Bambusstock zackig darauf zu zeigen — heute habe ich manchmal den Eindruck, dass die Menschen den Standort des Containers von Big Brother besser kennen als den Fluss, an dem Frankfurt liegt. Main oder Oder?
Woher kommt aber diese Kenntnis über Autobahnen, Ausfahrten und Raststätten? Warum weiss ich, dass sich in diesem hässlichen, orangefarbenen Gebäude über der Autobahn bei Pratteln (Schweiz) bergeweise Schokolade kaufen lässt — kann aber die Lage der Holsteinischen Schweiz kaum erklären? Nun, die Antwort ist einfach: Spätestens ab meiner Generation fahren wir intensiv Auto. Und das hat weitreichende Folgen im täglichen Leben …
Erinnern Sie sich an eine Diskussion aus den letzten Jahren, in denen nicht irgendwer mindestens eine Analogie aus dem Autobereich eingebracht hat?
„Einen solch tollen Computer mit nur 512 MB Haupspeicher bieten die an? Das wäre ja so, als wenn Ferrari einen Diesel verkauft!“
„Du hast eine Kamera, mit der Du zehn Bilder pro Sekunde machen kannst und nutzt das nicht? Na, wahrscheinlich fährst Du auf der Autobahn auch nur 80!“
Weit verbreitet ist eine der Motorwelt entlehnte Sprache auch in Sport und Unterhaltung: Fussballspieler sind ebenso autofixiert wie Juroren dünner Stimmchen bei Sangeswettbewerben.
„Ja, gut, also ich sach mal: Wir müssen uns jetzt aufs nächste Spiel konzentrieren und Gas geben!“
„Beim Recall musst Du aber wirklich einen Gang hochschalten!“
Dieser Fixierheit auf motorisierte Untersätze kann sich kaum jemand entziehen. Und egal wie weit ich aufs Land ziehe — sie ist schon da. Auch hier in der Wetterau. Unüberseh- und unüberhörbar.
Vor ein paar Wochen starben Ende Mai bei einem schrecklichen Unfall vier Teenager in einem mit sechs Personen besetzten Polo. Ich denke häufig an diese Tragödie, wenn ich irgendwo per Fahrrad, Motorroller oder Auto unterwegs bin. Nicht erst seitdem versuche ich, vorsichtig und angemessen zu fahren, was meist mit einer gemässigten Geschwindigkeit verbunden ist (und einem gedrosselten Kraftstoffverbrauch). Dabei werde ich angehupt, an kritischen Stellen überholt und fühle mich meist als mehr als Hindernis denn als respektierter, vorsichtiger Verkehrsteilnehmer.
Gesunde Vorurteile werden genährt, wenn ich von einem tiefer gelegten, laut röhrenden Auto mit einem jungen Mann am Lenkrad mit mindesten 140 Sachen auf einer Landstrasse kurz vorm Ortseingang überholt werde. Einen Tag später höre ich das Fahrzeug, bevor sich es sehe: Das Hämmern der Basslautsprecher ist bereits lange wahrnehmbar, bevor das Auto mit mindestens 50 km/h in dem 30er-Bereich vorbei donnert.
Was geht in solchen Menschen vor? Und: Warum wird so wenig dagegen unternommen?
Weit entfernt von unserer beschaulichen Wetterau, in Grossbritannen, gibt es eine Kampagne im Fernsehen: In teils brutalen Kurzfilmen werden Autounfälle und deren Folgen auf schockierende Weise dargestellt. Wie alle bewegten Bilder, so sind auch diese Spots bei YouTube aufgetaucht. Ich habe ein Beispiel eingebunden, das ich schockierend, aber noch erträglich finde. Wenn Sie sehr sensibel sind, dann klicken Sie besser trotzdem nicht darauf:
Auch die Versicherungsgesellschaft AXA hat drastische Fernsehspots produziert, mit denen sie gegen schwere Autounfälle zu Felde zieht. Sie sind noch drastischer als der oben gezeigte Film — ich habe sie deshalb teilweise nicht bis zum Ende ansehen können. Wenn Sie genau wissen wollen, warum, dann können Sie sich hier ein eigenes Urteil bilden:
Es ist zweifellos ein Abbild der grausamen Realität, welches hier gezeigt wird. Die vielen Kreuze, Blumen und Lichter hier bei uns am Strassenrand beweisen, dass die Wetterau nicht ausgenommen ist von dem Thema. Wenn unvernünftige Autofahrer (um es mal ganz vorsichtig auszudrücken) heute nicht lernbereit sind, dann helfen vielleicht solche Schockmethoden.
Trotz der drastischen Aufbereitung in den Spots, die nur schwer zu ertragen ist, frage ich: Warum gibt es bei uns keine ähnliche, schonungslose Kampagne? Und wären die rasenden jungen Männer (denn sie sind mit Abstand die Hauptverursacher schwerer Unfälle) überhaupt bereit, so etwas verständig wahrzunehmen — oder leben die nur rücksichtslos auf 180?
-fj


Das Video geht unter die Haut. Die anderen habe ich nicht gewagt anzuschauen.
Auf meinem täglichen Weg zur Arbeit (ca. 30 km) komme ich an drei Kreuzen, die am Strassenrand stehen, vorbei. Eines, es steht an einer Kreuzung, wurde neulich umgefahren.
Auf meinem täglichen Weg werde ich
- angehupt, weil ich am Stopp-Schild stoppe,
- auf Ortsdurchgangsstrassen angeblinkt, weil ich die vorgeschrieben 30km/h fahren,
- auf Strecken, die 70km/h und Überholverbot vorschreiben, überholt.
Vom Drängeln spreche ich überhaupt nicht. Nur letztens war der Drängler hinter mir vielleicht mal etwas froh über die Tröte vor ihm: es wurde auf einer „70iger-Straße“ geblitzt. Ich vermute (und ich sage nicht, ich bedauere), weil ich vor ihm fuhr, war er nicht dabei.
Dabei verstehe ich die Aufregung - insbesondere morgens - gar nicht. Die Fahrzeuge, die mich mit hohem Energieaufwand (zumindest Sprit, vielleicht auch ein paar Nerven) überholen, stehen oftmals an der nächsten Ampel vor mir.
In jüngeren Jahren war mein Fahrstil auch “flotter”. Da habe ich schon mal auf übersehbar kurzen Strecken stark beschleunigt, um dann gleich stark wegen der nächsten Ampel abbremsen zu müssen. Ich habe meinen Fahrstil verändert, weil ich (z.Zt. unter 5l/100km, Mittelklassewagen) heute deutlich weniger Diesel verbrauche und weil ich mit dieser Fahrweise meine Nerven schone.
Wir sind nun einmal so viele Verkehrsteilnehmer. Das kann nur klappen, wenn wir uns an Regeln halten und RÜCKSICHT nehmen. Das passt anscheinend nicht mit dem Drang der Menschen nach Freiheit und Individualität zusammen.
Die persönliche Freiheit und Individualität lassen sich besonders gut mit dem Auto darstellen. Das haben wir aus der Werbung gelernt. Auch Überlegenheit lässt sich so gut mit dem Auto zeigen. Das scheint sogar mit einem tiefergelegten Kleinwagen, der mit extra-breiten Reifen und metallic-blau abgedunkelten Scheiben daherkommt, zu klappen. Ob der vielen bewundernden Blicke mag der Fahrer schon mal etwas zu stark auf die Tube drücken und Bodenhaftung verlieren.
Upps, irgendwie bin ich nun wieder bei dem umgefahren Unfallopfer-Gedenkkreuz.