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Wetterauer Weltbilder

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5 Tote, 3 Schwerverletzte

1. Oktober 2008 von Frank Jermann

Der junge Mann ist zwar ein wenig zerknirscht, aber trotzdem durchaus angriffslustig, als ich ein paar Bilder schiessen will:  «Wenn Sie ein Foto von mir machen, dann zeige ich Sie an», so blafft er in meine Richtung.  Kurze Zeit vorher kam er in Dorn-Assenheim mit überhöhter Geschwindigkeit von der Fahrbahn ab, überquerte den Bürgersteig, riss das Hoftor der Assenheimer Strasse 12 aus der Verankerung und prallte gegen die Hausecke des Gebäudes.

Minuten nach dem Unfall ging an genau dieser Stelle eine Gruppe von Kindern aus dem örtlichen Kindergarten vorbei.  Man mag sich nicht ausmalen, was dort hätte passieren können, wenn die zeitlichen Umstände etwas ungünstiger gewesen, die Kinder dort früher vorbei gekommen wären.  Reichelsheim wäre vermutlich bundesweit in den Schlagzeilen.  Ich vermute, es läse sich so:

Fünf tote Kinder,
drei Schwerverletzte.

Politiker und Behörden hatten Kenntnis von der Gefahr,
niemand tat etwas

Im folgenden Bericht hätte man dann detailliert erfahren können, dass das Problem bereits seit Jahren bekannt ist.  Man sähe Fotos der Hausfront der Nr. 12, die von diversen Einschlägen zu schneller Fahrzeuge völlig ramponiert ist.  Extra an dieser Stelle wurden rot-weisse Warnschilder angebracht — sie sehen fast immer wie neu aus, weil sie regelmässig von Rasern umgefahren werden.  Die Eigentümerin erzählt, dass sie das Haus von aussen nicht mehr reparieren lässt, denn es würden immer wieder Autos in die Fassade fahren.

In dem fiktiven Bericht wäre bestimmt auch zu lesen gewesen, dass vor ein paar Jahren ein Auto von dieser Häuserwand abgeprallt ist, um dann gegen Haus Nr. 11 zu schleudern.  Wir ahnen, dass diesen Unfällen mit Sicherheit keine angemessene Fahrweise zugrunde liegen kann.

So gab auch der hier betroffene junge Mann unumwunden zu, dass er mit überhöhter Geschwindigkeit auf nasser Fahrbahn unterwegs war.  Polizei konnte ich am Unfallort nicht ausmachen — er wird also vermutlich ohne Strafe davonkommen.  Bei seiner am Unfallort gezeigten Reife besteht eine gute Chance, dass er wieder als Verkehrsrowdy auffallen wird.

Vor nur drei Wochen schrieb ich in diesem Blog:

Wenn aber irgendwann mal eines dieser viel zu schnellen Motorräder ein Kind tötet, wenn der abgelenkte Fahrer einer rollenden Disco die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert und in eine Menschengruppe rast, dann dürfte die Betroffenheit gross sein.

Dieses Szenario wäre heute beinahe Wirklichkeit geworden.  Dass es diesmal nicht zu einer Katastrophe gekommen ist, kann nur als Zufall bezeichnet werden.  Ich nehme an, das wird bei den zuständigen Stellen auch weiterhin nicht zu einem Umdenken führen.

Die Kindergruppe traf ich, als sie von einem Termin mit Holger Hachenburger (CDU) zurück kam.  Er ist der Initiator der in Dorn-Assenheim neu aufgestellten Schilder zur freiwilligen Reduzierung der Geschwindigkeit auf 30 km/h.  Der Kindergarten hatte bei der Gestaltung geholfen — ein lobenswertes Projekt.  Wer glaubt aber ernsthaft daran, dass  diese fröhlichen Kinderfiguren uneinsichtige Autofahrer aufhalten?  Die Aussage der Kindergärtnerin war diesbezüglich jedenfalls sehr zurückhaltend — und sie hat natürlich Recht:  Die geforderte freiwillige Selbstverpflichtung dieser Verkehrsrowdys ist so viel Wert wie die Bitte an  Waffenproduzenten, kein Kriegsgerät in Krisenregionen zu liefern.

Der verunfallte, etwas dreiste junge Mann, der in banaler Hilflosigkeit seine Finger zum Siegeszeichen spreizte, ist mir in dieser Geschichte trotz seiner unverhohlenen Drohung völlig gleichgültig.  Solche Kindsköpfe gibt es zu viele, um sich über deren niveaulose Dreistigkeit lange zu echauffieren.  Der vom Reifegrad eher noch als Pubertierender zu bezeichnende Unfallfahrer wird weiter mit Autos unterwegs sein — und hunderte anderer Autofahrer in der Wetterau werden jeden Tag ähnliche Situationen heraufbeschwören, ohne dass sich etwas ändert.  Das ist es, was mich bedrückt:  Die jahrelange Nicht-Reaktion der Verantwortlichen auf die in der Region bekannten Probleme in den Ortsdurchfahrten.

Also nochmal:  Was muss noch passieren, damit hier eingegriffen wird?  Wann werden endlich sichtbare Erfolge gegen die Raser in unseren Ortschaften erzielt?  Die neuen und gut gemeinten Schilder des Kindergartens werden keine Wirkung haben.  Wir wissen das alle.

Was wird aktuell getan?  Viel sehe ich nicht.  Geschwindigkeitskontrollen seien zu teuer, heisst es immer wieder.  Seit Jahren versucht man gegen die Raser Einfluss zu nehmen mit freundlichen Bitten auf offiziellen Schildern, deren einfältige Figuren den blassen Charme der siebziger Jahre transportieren und zudem teilweise auch noch so gut wie unsichtbar aufgestellt sind.  Das ist — mit Verlaub gesagt — lächerlich.  Aber ich höre die Argumente schon:  Rigorose Massnahmen wie eine komplette Reduzierung der Geschwindigkeit auf 30 km/h im gesamten Ortsbereich sowie Hemmschwellen bereits vor den Ortseinfahrten können vermutlich wegen Zuständigkeitsfragen und rechtlichen Bedenken nicht umgesetzt werden.

Wenn der heutige Unfall in Dorn-Assenheim tote Kinder zur Folge gehabt hätte, wie hätte man den betroffenen Eltern erklärt, dass ihre Kinder wegen «verwaltungsrechtlicher Hürden» über den Haufen gefahren wurden?  Vielleicht könnte man das mit einer formal korrekten Beileidskarte tun — mit einem dieser Strichmännchen drauf?

-fj

Veröffentlicht in Alltag in der Wetterau, Ereignisse, Verkehr, Wetterau: Regionale Themen, Überregional | Verschlagwortet mit Dorn-Assenheim, Holger Hachenburger, Kindergarten, Ortsdurchfahrt, Raser, Reichelsheim, Verkehrsrowdys, Verkehrunfall, Wetterau | 6 Kommentare

6 Antworten

  1. am 1. Oktober 2008 um 22:00 buchstaeblich

    Muss da erst ein Fernsehteam aufschlagen?


  2. am 2. Oktober 2008 um 0:06 Frank Jermann

    Vermutlich.

    Nach Auskunft der Kindergärtnerin wurde das erste der neu aufgestellten „Kinderschilder“ entfernt, weil damals noch keine Genehmigung vorlag.

    -fj


  3. am 13. Oktober 2008 um 13:14 Holger Hachenburger

    Hallo Herr Jermann,

    per Zufall bin ich im Urlaub auf diesen Blog gestossen. So sehr ich den Inhalt des Artikels unterstuetze, so wenig sind die Hintergruende und die seitherigen Aktivitaeten recherchiert. Die CDU nimmt sich seit Jahren dem Thema an und hat zur Ortsdurchfahrt unzaehlige Initiativen gestartet. Das Problem: Weder bei den fachlich noch den politisch Verantwortlichen wird das Thema mit der gebotenen Wichtigkeit behandelt. Ich bin mit der Thematik mittlerweile bis beim hessischen Verkehrsministerium.

    Vom neuen Buergermeister erhoffe ich mir ein engagierteres Eintreten, um hier endlich Ergebnisse im Sinne eines langsamerem Verkehrs zu erzielen.

    Einzelheiten finden Sie auf meiner Homepage unter DA Online oder Politisches.

    Dass die Tempo 30 Schilder nicht das non plus ultra sind, ist mir auch klar.

    Gruesse aus Bhutan.

    Holger Hachenburger


  4. am 13. Oktober 2008 um 14:52 Frank Jermann

    Hallo Herr Hachenburger,

    prima, dass wir in der Problematik grundsätzlich einer Meinung sind.

    In Bezug auf meine Recherche habe ich mich auf die am Tag des Unfalls vor Ort verfügbaren Informationen verlassen und habe keinen Grund, an den Aussagen der Beteiligten zu zweifeln. Bezüglich Ihres Generalvorwurfs kann ich nicht erkennen, dass mein Artikel auf mangelnder Sorgfalt beruht. Für detailliertere Hinweise bin ich aber natürlich dankbar.

    Sie schreiben, dass die CDU und Sie sich dem Thema „seit Jahren“ widmen. Hat sich etwas verbessert? Wenn ich Ihren Kommentar lese, dann wird mein Eindruck bestätigt: Nein, es hat sich nichts verbessert.

    Für mich ist es nach ihrer Schilderung eher noch unverständlicher, dass täglich eine akute Gefährung der Bewohner Dorn-Assenheims hingenommen wird. Wurde bisher alles Mögliche getan? Wenn Bertin Bischofsberger sich im Wahlkampf so an die Bürger wendet:

    Seit Jahren werden diese Themen diskutiert, Anträge im Parlament gestellt, das Ergebnis ist gleich null, noch nicht einmal Sachstands- oder Prüfungsberichte sind in Erfahrung zu bringen.

    dann drängt sich der Gedanke auf, dass nicht alles unternommen wurde, um gegen diesen unhaltbaren Zustand vorzugehen. Was sonst sollte er mit seiner Formulierung meinen?

    Ich meine, hier sind massive Massnahmen gegen die Gefährdung durch Verkehrsrowdys notwendig. Die Grenze dafür setzt die Phantasie.

    Papier ist geduldig. Wenn es erste Opfer gibt, wird man auf einen Stapel Anfragen und Verwaltungsvorgänge blicken und Antworten suchen auf die Frage, warum man es dazu hat kommen lassen.

    -Frank


  5. am 15. Oktober 2008 um 21:38 Mark

    Hallo Herr Jermann,

    Ihr Artikel spricht uns aus der Seele. Wir wohnen in der Dorn-Assenheimer-Straße in Weckesheim. Das gesamte Gebiet ist eine Tempo-30-Zone, seit kurzer Zeit gilt dort auch Rechts-vor-links-Verkehr.

    Was ich Ihnen jetzt erzähle ist kein Witz, ich empfehle jedem der es nicht glaubt sich insbesondere Dienstag und Donnerstag Abends, Sonntag Mittags oder morgens zwischen 6.30 – 7.30Uhr vor Ort selber ein Bild zu machen.

    Auf der gesamten Dorn-Assenheimer-Straße fahren ca. 10% der Fahrzeuge max. die vorgeschriebenen 30km/h, 90% fahren deutlich schneller.

    Insbesondere bei Aktivitäten auf dem Sportplatz wird von manchen Fahrern gerast was das Auto hergibt, besonders ein Möchtegern-Schumi in seinem schwarzen Mazda-Cabrio meint mit seiner rollenden Dorfdisko „die Sau rauslassen“ zu müssen. Das dies – neben einem scheinbar mangelnden Verantwortungsbewusstsein – auch auf einen fragwürdigen Geisteszustand schließen lässt, steht sicherlich ausser frage.

    Als Zubringerstraße zum / vom Bergwerksee gibt es insbesondere in den Sommermonaten Autofahrer die in den Abenstunden mit – ohne Übertreibung – 100km/h und mehr die Strecke fahren. An die Rechts-vor-links-Regelung hält sich keiner.

    Zur Zeit verkehren wieder viele LKWs welche Erde zum Bergwerksee transportieren. Rechts-vor-links, Tempo 30 ?? Fehlanzeige, 50km/h ist das Minimum.

    Und was macht die Stadt ? Nichts ! Alle paar Wochen mal während der Geschäftszeiten (großzügig bedacht: 6.00 – 18.00Uhr) einen mobilen Blitzer aufstellen (dessen PKW auch bereits ortsbekannt ist und sich in aller Schnelle rumspricht), damit hat es sich.

    Poller oder Schwellen müssten her, zwei fest installierte Blitzer oder Kontrollen in den Abend oder Nachtstunden (gerade im Sommer und an Wochenenden, wenn der Bergwerksee stark frequentiert wird).

    Aber die Raserei hört nicht auf. Besonders schlimm finden wir das sogar Anwohner aus der Gemeinde zu denjenigen gehören, denen das Tempolimit Sch***egal ist.

    Wir hoffen inständig das nie etwas passiert, das nie jemand sein Recht rausnimmt und aus der Kurt-Schumacher-Straße oder Am Sportplatz rausfährt und ein Raser angeschossen kommt. Was dann passiert kann sich jeder denken.

    Bester Gruß

    Mark aus Weckesheim


  6. am 30. Oktober 2008 um 11:11 Henny

    Poller oder die aus dem Gebiet Nordirland bekannten „Sofarollen“ auf der Straße gelten ja als gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, – deshalb unterbleibt so etwas. Zuständigkeitsgerangel endet sicherlich, wenn man zur Eigeninitiative übergeht… da wird ganz schnell jemand amtlich eingreifen. Aber Raser wegen „versuchter Körperverletzung oder fahrlässigem Umgang mit einer Waffe“ bzw. Sachbeschädigung anzuzeigen könnte doch auch erst mal etwas Bewegung bringen. Überhäuft die Zuständigen mit Anzeigen und Klagen!
    Alles Gute für euer Vorhaben. Henny



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