Die Tage sind mittlerweile grau und kalt. Dem Hofkater fehlt jeglicher Schwung: Jeder seiner Besuche mündet in der Suche nach einem warmen Platz für ein ausgiebiges Nickerchen. Der Ofen sorgt für wohlige Wärme — und er befeuert Erinnerungen an Tage, die noch vor kurzem von kurzer Hose und Poloshirt geprägt waren.

Meinen letzten Ausflug an so einem warmen Tag machte ich dieses Jahr in die Gegend von Bad Salzhausen. Mein Motorroller schnurrte, der Wind war angenehm lau und die Sonne des Spätsommers spendete warmes Licht. Der Hahn auf der Kirche glänzte mit dem unverschämten Blau des Himmels um die Wette. Wunderbar.
Ich war hier zwar etwas vom Weg abgekommen, denn der Gockel befindet sich in Rodheim, das nicht mehr zur Wetterau gehört — aber dieser Schlenker schmälerte das Erlebnis nicht. Schliesslich gibt es in unserem Land dankenswerterweise kaum Balkanierungstendenzen.
In Bad Salzhausen angekommen konnte ich mich dem Slogan des Staatsbads nur schwerlich entziehen: «Zum Wohlfühlen schön» — und die verkurte Ruhe hat etwas. Nur wenige Menschen schlendern durch die Hauptstrasse, kaum ein Auto stört das gemütliche Bummeln und ich komme mir mit meinem Roller fast wie ein Eindringling vor. Zu Fuss unterwegs sein ist hier angesagt.

Der Bahnhof — offiziell nur ein Haltepunkt — wird tatsächlich regelmässig von der Horlofftalbahn angefahren. Das kleine Restaurant im ehemaligen Bahnhofsgebäude ist wegen des verschlafenen Betriebs und der abseitigen Lage nur sehr begrenzt geöffnet. Drinnen ist es zwar wegen einiger Erinnerungen an alte Bahnzeiten nicht uninteressant, aber etwas muffig. Besser sitzt man wohl draussen mit einem Blick über den über 180 Jahre alten Kurpark.

Ein Bummel durch diesen Park ist anzuraten: Es gibt eine Menge zu entdecken. Neben Lampen, die Aussehen wie aus den Fünfzigern (und es vermutlich auch sind), Parkbänken aus Metall und Holz (und nicht aus diesem abstossenden Beton- und Plastikzeugs) findet man Objekte, die zum Hinschauen, Anfassen, Nachdenken und Mitmachen auffordern. Dem Thema «Bänke» verbunden — und sehr verwunschen, ja fast morbid (siehe links) — kommt Katja Niebuhrs «Warteschleife» aus dem Bildhauersymposium 2007 daher, die diese Sitzmöbel auf ungewöhnliche Weise in den Park einbringt. Der Weg durch diese anregende Kulturlandschaft ist spannend und der Spaziergang hat nichts mit den langweiligen Sonntagserinnerungen meiner Kindheit gemeinsam.

Ich stöbere ein wenig an der schönen Laube am Parkrand und stelle fest, dass in Bad Salzhausen selbst die heimlichen Zecher anders sind: Fein säuberlich wurden die geleerten Schnapsflaschen neben den Papierkorb gestellt. Ich bin sicher, der Kehrdienst hat sie unbeschadet der nächsten Wertstoffsammlung zugeführt. Heile Welt aber nicht nur bei den Schnapsdrosseln, auch die sonstige Bad Salzhausener Vogelwelt verhält sich sehr ordentlich: Der Hausrotschwanz beginnt seinen Morgengesang 75 Minuten vor Sonnenaufgang, die Amsel 63, das Rotkehlchen exakt sechs Minuten später. Langschläfer unter den Singvögeln ist der Buchfink, der sich erst 29 Minuten vor den Erscheinen der Sonne piepsend meldet. Alles nachzulesen auf einem Schild der örtlichen Natur- und Vogelschutzgruppe.
Unten im Ort fällt dem nachmittäglichen Besucher mit Kaffeedurst das wunderschöne «Bienkos Park-Café» ins Auge — doch sie trügt, die Hoffnung, die der Zusatz «Konditorei-Meisterbetrieb» weckt. Der Konditormeister Thomas Bienko betrieb das Café in zweiter Generation bis ins Jahr 2007 — aber nach 58 Jahren war das Ende des Familienbetriebs gekommen. Heute kann man noch Zimmer mieten, als Alleinreisender zahlt man 34 Euro mit Frühstück, ein Mittagessen kostet acht Euro. Spätestens bei diesen Preisen merkt man, dass Bad Salzhausen weit abseits der Einfallschneisen der Spesenritter mit Ziel Frankfurt liegt.
«Vor zwanzig Jahren, als die Krankenkassen noch alle zwei Jahre eine Kur genehmigten, da war hier die Blütezeit für ein Café», meint Herr Bienko. Trotzdem träume ich von einem Stück Schokoladentorte zum Kaffee auf der offenen Veranda der Villa aus dem Jahr 1901. Vielleicht findet sich ja ein Pächter? Einen Stammgast hätte er bereits jetzt.

Es ist sicher eine Szene aus einer anderen Zeit, der ich nachhänge — aber in Bad Salzhausen ist das erfreulicherweise auch noch möglich. Sind nicht genau diese kleinen, liebenswerten Dinge das, in dem ein Wert liegt? Neues finden wir an jeder Ecke, häufig lieblos und für einen Massenmarkt aufbereitet. Bad Salzhausen bietet Anregungen, wie es sein könnte. Schön, inspirierend, stilvoll, individuell, wertig. Doch auch dort findet man nicht weit entfernt das übliche Plastikmobiliar vor einer anderen Gastwirtschaft. Bestimmt schön praktisch — aber es tötet die Sinne mit seiner hässlichen, belanglosen Auswechselbarkeit.
Es war ein schöner kleiner Ausflug an jenem Tag. Ich kann es kaum erwarten, dass es in vier oder fünf Monaten wieder soweit ist und ich werde dann sehnsuchtsvoll auf die Veranda des vermutlich immer noch geschlossenen Park-Cafés schauen.
-fj
PS. In Reichelsheim wurde von der Stadtverordnetenversammlung jüngst die Ansiedlung eines Netto-Marktes (graue Wellblechhütte mit schreiender Werbung und grossem Parkplatz) mitten in der Stadt beschlossen. Ein regelmässiger Besuch in einer Ortschaft wie Bad Salzhausen sollte für jeden Stadtverordneten zur Pflicht gemacht werden. Günstige Zimmer gibt’s bei Herrn Bienko.


