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Abkupfern!

Ach, die eigene Unzulänglichkeit ist manchmal bedenklicher als es die Wirren des Lebens sind, denen ich so gerne nachstelle.  Aktuelles Beispiel:  Die Termine der Stadtverordnetenversammlung in Reichelsheim.

Gerne würde ich ab und zu die Sitzungen dieses Gremiums besuchen — stöbere aber seit mehr als einem Jahr vergebens nach den Terminen auf den Webseiten der Stadt.  Ich beklagte mich bei Bekannten, Politikern und im Vorzimmer des Bürgermeisters.  Alle bedauerten, dass die Information nicht online verfügbar sei — und verwiesen mich auf den Stadt-Kurier (vom Verlag Wittich), den ich kostenpflichtig beziehen könne.  Sämtliche Termine seien dort aufgeführt.

Nun, ich gebe zu, dass — trotz mehrmaliger, wohlwollender Leseversuche — mich dieses Druckwerk nicht besonders in seinen Bann geschlagen hat.  Nur für ein Dutzend Terminhinweise im Jahr 27 Euro zu bezahlen, erscheint mir nicht angemessen.  Die Konsequenz:  Mangels Kenntnis der Termine habe ich bisher noch keine Stadtverordnetenversammlung besucht.

Und dann erfahre ich heute aus zuverlässiger Quelle, dass die Termine doch regelmässig im Internet veröffentlicht wurden — ich habe sie nur nicht entdeckt.  Augen auf, Frank!  Wie kann man nur so verpennt sein?

Dabei bietet die Stadt Reichelsheim mit der Publizierung im Internet bereits mehr, als sie nach § 7 Punkt 2 der Hauptsatzung vom 21. Januar 2001 tun muss.  Dort ist festgelegt, dass Veröffentlichungen der Termine der Stadtverordnetensitzungen an den Bekanntmachungstafeln erfolgen müssen — es ist keine Rede von Stadt-Kurier oder World Wide Web.  Andererseits:  Diese Satzung stammt fast noch aus einer Vor-Internet-Zeit.  Im heutigen, digitalen Zeitalter wäre eine Ergänzung der Satzung sicher angebracht.

Ich hab’s also nicht gefunden, es war trotzdem da — doch selbst Beteiligte wussten das nicht.  Worin mag diese etwas absurd klingende Geschichte ihren Grund haben?  Nun, erstens bekenne ich mich schuldig, nicht jeden Tag in den Veranstaltungskalender auf den Internetseiten Reichelsheims geschaut zu haben.  Wofür ich aber auch keinen Grund hatte, wenn zweitens sogar Stadtverordnete bestätigten, dass die Termine online nicht verfügbar seien.  Drittens aber muss ich auch vermuten, dass die Online-Präsentation der Daten nicht besonders gut gelungen ist:

Die Sichtbarkeit der politischen Termine ist nicht allzu gross, wenn diese in einem allgemeinen Terminkalender veröffentlicht werden, in dem heute, am 5. März 2009 vom  Kräppelnachmittag (war vor knapp einem Monat) bis zum Abbau der Weihnachtsfeier 2009 (ist in mehr als neun Monaten) viel zu finden ist — aber eben kein Sitzungstermin der Stadtverordnetenversammlung.  Irgendwann hört man dann auf, dort nachzuschauen.

Wäre es nicht gut, einen Bereich Politik zu haben, in dem alles rund um dieses Thema aufgeführt wird?  In dem die Dinge, die zusammen gehören, auch beisammen stehen?  Das ist heute nicht der Fall und es ist an jeder Ecke zu erkennen, dass die Seiten nicht mit Herzblut gemacht sind, dass es vermutlich an Betroffenheit und/oder Engagement fehlt.  Sonst wäre längst mal jemand auf die Idee gekommen, die Dinge ein wenig auszubauen, übersichtlicher zu gestalten, bürgerfreundlicher zu konzipieren.

Wie so etwas gemacht werden kann, zeigen andere Städte in der Wetterau: Dort sind nicht nur die Termine in übersichtlicher Form online verfügbar (Beispiel: Butzbach), sondern auch die Tagesordnungen (Beispiel: Karben), dazugehörige Anträge (Beispiel: Bad Nauheim, vorbildlich!) und sogar Protokolle bisheriger Sitzungen (Beispiel: Friedberg mit bemerkenswert sorgfältig erstellten Dokumenten).  Bad Nauheim stellt sogar ein Organigramm der politischen Gremien vor!

Ob da wirklich niemand aus Reichelsheim mal ein Auge drauf geworfen hat?  Und wenn ja:  Hat das dann nicht besser gefallen als der eigene Webauftritt?  Und wenn es besser gefallen hat, ist dann nicht die Idee gekeimt, das Konzept zu übernehmen?  Denn wir alle wissen:  Besser gut abgekupfert als schlecht erfunden.  Dass das eine manchmal sehr sinnvolle Lebensweisheit ist, wissen wir nicht erst, seit es Kochrezepte gibt.

Die hoffnungsvolle Nachricht zum Schluss:  Nach Auskunft aus dem Rathaus arbeiten die Reichelsheimer bereits an einem neuen Webauftritt.  Ich bin gespannt, welche Ideen der neue Bürgermeister in die Realisierung einbringt — und vor allem welchen zusätzlichen Nutzen die neuen Webseiten dem Bürger bringen werden.  Nicht aus technischer Sicht, sondern inhaltlich und in Bezug auf eine übersichtliche Aufbereitung.  Wenn ein paar engagierte Menschen an dem Projekt mitarbeiten und die Umsetzung nicht nur als technische Pflichtaufgabe, sondern auch als Chance zur Mitarbeit (kreative Ideen, gute Inhalte, sorgfältiges Design, ordentlicher Satz, Rechtschreibkorrekturen, Plausibilitätsprüfungen, etc.) gesehen wird, dann kann es etwas werden.

Und selbst wenn die Ideen nur abgekupfert sein sollten, dürfte kaum jemand böse sein.  Vielleicht wird es ja ein best of der Wetterauer Webseiten?  Ab Juni 2009 werden wir es voraussichtlich sehen.

-fj

Wieder daheim

Früher, als Kind, war die Rückkehr von einer Reise für mich bedrückend.  Nie mochte ich die traumhaften Sommer der sechziger und siebziger Jahre auf der Nordseeinsel Juist hinter mir lassen.  Wenn sie doch nur ewig so weiter gegangen wäre, die Unbeschwertheit des sonnigen Strandlebens, fernab der Schule!  Die Heimkehr in die vertraute Umgebung war jedesmal eine Last.

Heute hat Reisen für mich einen anderen Stellenwert.  Ich gehe bewusster mit meinen Erlebnissen um, habe andere Ziele — in fast jedem Sinne — wenn ich die Koffer packe.  Auch am Ende der Reise hat sich die Perspektive verschoben:  Ich komme gerne heim.

Ein Teil dieses Wandels liegt sicher an der relativen Ruhe und Vertrautheit meiner jetzigen Wetterauer Wahlheimat:  Ich bin einfach gerne hier, wo ich das Geräusch des Katers einordnen kann, wenn er von der Mauer aufs Holzdeck springt.  Ich weiss, wann Löbers Bäckerwagen mit unnötigem Gehupe sein erhofftes Geschäft auf Kosten der Anwohnernerven ankündigt und freue mich um so mehr über die altbackene, aber ohrenfreundliche Glocke des Altmetallsammlers, der die Ortschaften abklappert.

Unterwegs ist das anders.  Selbst bekannte Orte sind immer wieder neu.  Auf meiner letzten Reise besuchte ich drei sehr unterschiedliche Gegenden:

Die Sonne und Wärme im Süden Kaliforniens waren gut fürs Gemüt.  Lockeres Lebensgefühl an der Küste;  wunderbares Licht in der Winterwüste;  Aussteiger aus dem amerikanischen Konsumtrauma in einem verlassenen Militärcamp;  ein freundlicher, gottesfürchtiger alter Mann, dessen kitschiger bunter Berg aus Tonnen von Farbe nicht als unnötige Umweltschädigung eingestuft, sondern als nationales Denkmal geschützt wird und nicht zuletzt der immer noch kaum zu begreifende Salton Sea — all das waren Höhepunkte und für einen Fotografen eine Wundertüte.

Kanadas eisige Rocky Mountains forderten mich körperlich:  Skilanglauf, Schneeschuhlaufen und Schlittenhundefahren waren in der dünnen Luft in über 1700 Metern Höhe anstrengend — und bei meiner Angst vor Hunden nicht nur physisch.  Eine Gruppe von sechs Huskies anzufeuern und mehr noch: zum Anhalten zu bewegen, war auch psychisch nicht banal.  Und zum Glück trug nicht nur ich eine dieser bescheuert aussehenden Pelzmützen.

Der Karneval in Venedig führte mich dann in den Massentourismus zurück.  Kaum jemand dürfte ahnen, dass unter den meisten aufwändigen Masken vorwiegend Deutsche, Franzosen und Briten stecken.  Vielleicht hätte ich dort doch meine neue Pelzmütze tragen sollen?  Die tiefe Verzückung vieler Menschen vor billigen, aus China importierten Masken, die Horden digitaler Knipser ohne Respekt vor Anderen sowie die obligatorischen peruanischen Panflötenbläser waren teilweise eine Qual.

Nicht nur deshalb war die Rückkehr in die Wetterau schön:  Selbst bereitetes Essen statt Touristen-Restaurants, der Kaffee zur Zeitung am heimischen Kaminofen statt bei Starbucks, ein Treffen mit echten Freunden statt eines zwar freundlichen, aber wie immer unverbindlichen «nice to meet you» …

Es ist gut, eine solche Heimat zu haben — und die muss nicht ein Leben lang an nur einen Ort gebunden sein.  Wichtig ist vielmehr, dort, wo man seinen Lebensmittelpunkt hat, auch zuhause zu sein.  Hier in der Wetterau habe ich so etwas wie Heimat gefunden — und das war nicht immer so auf meinen Stationen in diesem Land:  Berlin war vor der Wende zwar aufregend, aber die Enge nährte eine Sehnsucht zum Ausbrechen.  Hamburg war korrupt, München snobistisch, Darmstadt provinziell.  Freiburg dagegen zeigte sich voller Lebenslust und -qualität — und war Heimat.

Meine Geburtsstadt Lübeck war und ist selbstverständlich wunderbar — aber den Status als Heimat hat die Hansestadt verloren.  Heimat ist für mich seit einigen Jahren die Wetterau — und sie wird es vermutlich auch noch einige Zeit bleiben.

Um in diesen Hafen nach meinen Reisen auch weiterhin so freudig zurückzukommen, wäre es hilfreich, wenn es hier so abseits und ruhig bliebe, wie es momentan ist.  Hoffentlich scheitern also die hiesigen Politiker, von denen manche hochfliegende Pläne für die Region haben.  Natürlich wünsche ich mir ein besseres Kulturangebot, mehr Engagement der Bevölkerung in vielerlei Hinsicht und eine Verbesserung der Infrastruktur.  Damit meine ich aber nicht den Ausbau der Wetterau zu einem Erholungsgebiet für gestresste Grossstädter:  Nicht jede Landschaft muss künstliche Attraktionen bieten.

Wer die Reize der Landschaft als Wanderer erkunden möchte, sich an den schönen Toren so mancher Hofreite erfreuen mag, der ist natürlich jederzeit willkommen.  Einen touristisch erschlossenen Tagebausee mit Campingplatz und Hotel sowie Kiosk und Restaurant benötigen wir dafür meiner Ansicht nach aber nicht.  Denn dabei könnte etwas auf der Strecke bleiben:  Heimat.

-fj

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